Am Karfreitag wird der Kreuzweg mit seinen 14 Stationen aufgesucht. Doch dabei bekommt man nicht nur die Leidensgeschichte von Jesus Christus vor Augen geführt. Jede einzelne Station kann ins eigene Leben geholt, hinterfragt und zum Nachdenken genutzt werden. Der Kreuzweg ist auch ein Weg zu uns selbst.
Station 1 Pontius und Pilatus richten über Jesus
Der Kreuzweg beginnt mit einem fatalen Fehlurteil und danach wäscht man die Hände in Unschuld. Da tauchen unweigerlich Fragen auf: Wann war ich zuletzt ungerecht? Habe ich Vorurteile? Muss ich etwas bereuen? War ich hartherzig?
Station 2 Jesus nimmt das Kreuz auf
Sein Leidensweg beginnt, indem er das schwere Kreuz schultert und die Last der sündigen Menschen trägt. Wann habe ich jemandem eine Last abgenommen? Hätte ich die Kraft und den Mut dazu? Bin ich bereit für mich und für andere Verantwortung zu tragen?
Station 3 Jesus stürzt das erste Mal
Die Schwäche zwingt Jesus in die Knie, er stürzt und richtet sich wieder auf. Wie heißt es bei uns: Aufstehen, Krönchen richten, weiter gehen. Wann habe ich das geschafft? Bin ich dazu auch jetzt in der Lage? Wie gehe ich mit Schwierigkeiten, Problemen und Belastungen um? Reiche ich einem anderen die Hand, um ihm aufzuhelfen?
Station 4 Jesus begegnet seiner Mutter Maria
Ein Bild der Trauer, der Verbundenheit, der Liebe und des gemeinsamen Leids. Wie steht es um die eigenen Familienbande? Wer gibt mir Halt und wem gebe ich Halt? Bietet die Familie Trost, Schutz und Vertrauen? Hält das Band der Familienliebe und wie kann man das Band stärken?
Station 5 Simon hilft Jesus das Kreuz zu tragen
Simon sieht nicht zu, sondern steht Jesus bei und greift hilfsbereit ein. Wie oft habe ich am Rande zugeschaut und nichts getan? Wann habe ich mich mal eingemischt und jemandem geholfen? Wie halte ich es mit den Worten geteiltes Leid ist halbes Leid und geteilte Last ist halbe Last? Wer hat mal mit mir mitgefühlt und eine helfende Hand gereicht?
Station 6 Veronika reicht Jesus das Schweißtuch
Manchmal braucht es keine Worte, sondern nur Gesten und Blicke, um eine Nähe und das Verstehen herbei zu führen. Wie kommuniziere ich? Offen mit klarem Blick in die Augen des anderen? Wenn ich eines anderen Last nicht tragen kann, helfe ich ihm dann auf andere Art? Wer würde das für mich tun und würde ich es dankbar annehmen?
Station 7 Jesus fällt erneut
Noch einmal bricht Jesus unter der Last des Kreuzes zusammen und erneut richtet er sich wieder auf. Wie ist es um meine Ausdauer und Leidensfähigkeit bestellt? Bin ich zäh oder gebe ich zu früh auf? Bin ich auch mal bereit einen anderen Weg zu gehen, um ans Ziel zu kommen? Versetzen Schwächen und Niederlagen meinem Selbstbewusstsein einen Knacks oder machen sie mich stärker? Schäme ich mich für Niederlagen oder begreife ich sie als Chancen?
Station 8 Jesus begegnet weinenden Frauen
Diese Tränen stehen für Mitgefühl, Leid, Trauer und Schmerz. Doch Tränen können auch kären, reinigen und erleichtern. Wann habe ich mir zuletzt etwas von der Seele geweint? Was hat mein Herz berührt und mich zu Tränen gerührt? Wer spendet mir Trost und wen umarme ich tröstend? Und sind Tränen nicht auch manchmal ein Zeichen des Abschlusses und eines Endes, damit etwas Neues starten kann? Bin ich bereit für einen Neuanfang?
Station 9 Jesus fällt zum dritten Mal hin
Vor einer Sünderin fällt Jesus zu Boden. Er beschäftigt sich nicht mit seiner Situation, sondern vergibt ihr alle Sünden. Welchen Menschen mit so viel Wärme und Großzügigkeit kenne ich? Kann mich dieser Mensch zu Herzensgüte inspirieren? Welche Veränderung kann ein großes, weites Herz bringen? Ist es gar Hoffnung und Zuversicht?
Station 10 Jesus werden seine Kleider gestohlen
Dieses Bild erinnert daran, dass wir nackt geboren werden und nackt sterben werden. Wir können nach dem Tod nichts mitnehmen, denn das letzte Hemd hat keine Taschen. Das Bild steht auch für die Verletzlichkeit und Würde eines Menschen. Wann habe ich jemanden bloß gestellt? Ist es mir schon mal passiert? Wie verkraftet man eine Demütigung? Und ist mir Besitz wichtiger als Achtung, Respekt und Werte?
Station 11 Jesus wird ans Kreuz genagelt
Neben zwei Verbrechern wird Jesus ans Kreuz gehängt und er sagt die Worte: Denn sie wissen nicht was sie tun. Kenne ich das Gefühl des ausgeliefert seins? Wie gehe ich mit einer vermeintlichen Ausweglosigkeit um? Könnte ich trotz Verzweiflung vergeben?
Station 12 Jesus stirbt am Kreuz
Und die Welt verdunkelte sich als Jesus seinen letzten Atemzug tat. Ein Weg wurde zu Ende gegangen, aber könnte ein neuer Weg beginnen? Kann ich Schuldgefühle ablegen und nach dem Licht suchen? Was offenbart sich mir in meinem wahren Inneren? Wo führt es mich hin?
Station 13 Jesus wird vom Kreuz abgenommen
Ein Mensch, der dem Gerichtsurteil nicht zugestimmt hatte, nimmt den gestorbenen Jesus vom Kreuz ab und erweist ihm einen letzten guten Dienst. Kusche ich vor der Obrigkeit oder habe ich den Mut zur eigenen Meinung und zum eigenen Handeln? Glaube ich an Gerechtigkeit und lehne ich mich gegen Ungerechtigkeit auf? Bin ich fähig, jemandem in seiner letzten Stunde zu helfen? Kann ich nach seinem Tod seinen letzten Willen erfüllen?
Station 14 Jesus wird ins Grab gelegt
Dies ist eine Zeit der Stille. Das Leben scheint still zu stehen. Doch tut es das wirklich? Ist tatsächlich alles zu Ende oder ist es eine Zeit des Umbruchs, der Veränderung und des Aufbruchs in ein anderes Leben? Ist es nicht auch eine Zeit der Fragen, des Erinnerns und des Glaubens? Und ist es nicht so, als würden wir auf etwas warten, wenn ein geliebter Mensch von uns gegangen ist? Und ist bei aller Trauer nicht auch ein sonderbares Gefühl von Frieden zu spüren?
Die Karwoche ist eine Woche der Vorbereitung. Der Vorbereitung auf das Osterfest und die Auferstehung von Jesus. In dieser Zeit gibt es nicht nur Dunkelheit und Trauer. Es gibt auch ein Fest des Lichts, der Zuversicht und des Lebens. Nehmen wir uns Zeit für den Kreuzweg, um Liebe, Demut, Glauben und Wahrheit zu spüren und um zu neuen Zielen aufzubrechen. Text/Foto: Marion Friedl
